09.07.2017

INTERVIEW: "Es ist schwieriger, Talente zu finden"

Thüringer Allgemeine - Die frühere Biathlon-Weltmeisterin und Olympiasiegerin Kati Wilhelm gibt dem deutschen Nachwuchs Tipps für die Zukunft. Wir sprachen mit der Thüringerin über das Camp, Herausforderungen und ihre Rolle als Botschafterin des Biathlons.

Erfurt. Die größten Biathlon-Nachwuchstalente Deutschlands weilten vergangenes Wochenende beim 5. Kati-Camp in Oberhof. Unter der Leitung der früheren Thüringer Weltklasseathletin Kati Wilhelm (40) aus Steinbach-Hallenberg sammelten sie wertvolle Erfahrungen rund um den Sport und künftige Herausforderungen im Profibereich. Wir sprachen mit Wilhelm über das Camp, Herausforderungen und ihre Rolle als Botschafterin des Biathlons.

Wie begeistern Sie bei sommerlichen Temperaturen Kinder wie Erwachsene für den Wintersport Biathlon?
Das ist gar nicht so schwierig. Die machen das schon ein paar Jahre und wissen, dass bei jedem Wind und Wetter draußen trainiert werden muss. Wenn man Erfolg haben will, muss man ein paar Schweinehunde überwinden. Nach dem Training bleibt ja immer noch Zeit für andere Aktivitäten.

Bei der 5. Auflage ihres Kati-Camps luden Sie den besten Nachwuchs aus Deutschland nach Oberhof ein. Mit welchen Zielen?
Das ist unterschiedlich. Die Jugendlichen sind 14, 15 Jahre alt und gerade auf dem Sprung, vom Luftgewehr auf das Kleinkaliber zu wechseln. Für uns ist das Alter interessant. Es ist nicht einfach, sich immer auf den Sport zu konzentrieren, wenn andere Sachen interessant werden oder die Freunde andere Hobbys haben. Wir möchten die Talente motivieren und ihnen zeitgleich aufzeigen, dass es nicht immer vorwärts gehen kann. Aber wenn man sich ein Ziel gesetzt hat, vermisst man auch nichts anderes. Außerdem sollen sie sehen, dass sie auf ihrem Weg unterstützt werden. Dass seit Jahren die besten Athleten von den Verbänden geschickt werden, zeigt, wie gut das Camp angenommen wird. Einige Kinder melden sich sogar von sich aus, wenn mit der Anmeldung etwas schiefgelaufen ist.

Wie groß sind die Chancen, in einem solchen Camp die Weltmeister oder Olympiasiegerinnen von morgen zu sichten?
Das ist schwierig. Gerade in dem Alter sind die Kinder unterschiedlich weit. Dazu kommt, wo sie trainieren, ob sie schon an der Sportschule sind oder nicht. Manche sind körperlich schon weiter. Hier ist das Camp gut für alle, denn da sehen wie, wo sie im Vergleich zu den anderen stehen. Vielleicht weckt das bei dem ein oder anderen den Ehrgeiz, noch mehr für sich zu machen.

Spielt Talent oder Alter die größere Rolle?
Talent ist schon wichtig, das Alter eher relativ. Wichtig für talentierte Athleten ist, dass sie unterstützt werden. Welche Feinheiten müssen justiert werden, wo kann man Reserven rauskitzeln? Spielt die Psyche immer mit? Da sind auch die Trainer gefragt.

Gemäß dem Fall, Sie erblicken ein Talent. Setzen Sie sich persönlich ein, um dieses zu fördern?
Das ist nicht mein Ansinnen. Bei den Kindern, die im Camp sind, ist das Talent schon erkannt worden. Außerdem möchte ich den Trainern nicht reinquatschen. Die Veranstaltung soll für die Athleten eher eine Belohnung sein, wo verschiedene Aspekte des Biathlon an- und besprochen werden. Ich bringe meine Erfahrung aus dem Profisport gerne ein. Die Resonanz zeigt, dass es den Sportlern gut gefällt. Das Feedback ist sehr positiv. Vielleicht kann man das Camp in Zukunft noch ein wenig größer machen, aber es ist leider immer schwierig, einen Termin zu finden, bei dem alle dabei sein können.

Wie ist es um den Nachwuchs in Thüringen bestellt? Steckt die nächste Kati Wilhelm schon in den Startlöchern?
Das ist schwierig zu sagen. Juliane Döll zum Beispiel war ein großes Talent, hatte sich dann entschlossen, mit den Bayern zu trainieren, um voranzukommen. Es ist nicht immer einfach, für sich einen guten Weg zu finden. Luise Kummer war schon einmal sehr weit, stagniert aber derzeit. Ich hoffe, dass sie ihre Lehren daraus gezogen hat und wieder einen Sprung nach vorn macht.

Mit welchen Problemen hat Biathlon zu kämpfen?
Ich weiß nicht genau, warum in Thüringen so lange keiner nachkommt. Da bin ich nicht nah genug am Nachwuchs dran, man müsste die Trainer in Oberhof fragen. Auf jeden Fall ist es heutzutage schwieriger, Talente zu finden, da es viel mehr Möglichkeiten gibt als früher. Eine Ausnahme ist Laura Dahlmeier, die in einem sportlichen Haus großgeworden ist. Da standen die Eltern immer komplett hinter ihr. Das ist aber nicht immer so. Wenn von den Eltern keine Unterstützung kommt, hat das Kind schnell keine Lust mehr. Oder es gibt die übermotivierten Eltern, die ihr Kind zu sehr unter Druck setzen. Außerdem ist Biathlon nicht ganz billig. Die Munition und Waffen – das kostet alles Geld.

Oft blickt der Nachwuchs zu den Topathleten auf. Wie wichtig sind Erfolge wie die WM-Siege von Laura Dahlmeier im vergangenen Jahr zur Talentegewinnung?
Sehr. Je mehr Erfolge die Großen einfahren, umso mehr Öffentlichkeit bekommt die Sportart und das Interesse steigt auch beim Nachwuchs. Für junge Mädchen, die auf dem Sprung sind oder die Idee haben, dass auch zu machen, ist das top. Zumal sich Biathlon als sympathischer Sport präsentiert. Es ist wirklich schade, dass die Olympischen Spiele 2018 nicht in Deutschland stattfinden. Ein Event vor der Haustür wäre schön gewesen.

Im Frühjahr 2018 finden die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang/Südkorea statt. Erwarten Sie ein ähnliches Topergebnis wie 2017 bei der WM, als Deutschland insgesamt acht Medaillen holte?
Das wird natürlich schwierig. Jeder erwartet, dass die Athleten – vor allem Dahlmeier, es sportlich genauso schaffen wie 2017. Zuzutrauen ist es ihr, aber es wird immer schwieriger, eine erreichte Leistung auch zu bestätigen oder zu toppen. Laura ist schon sehr weit in der Entwicklung und weiß auch, wann sie sich ihre Auszeiten nehmen muss, etwa wenn der Medienrummel zu groß wird. Ihre Chancen stehen gut, auch wenn es immer mal einen zufälligen, glücklichen Olympiasieger gibt, mit dem vorher keiner gerechnet hat.

Spielen Themen wie die Medien auch in Ihren Camps eine Rolle?
Ja, unter anderem. Das Programm ist sehr vielschichtig und reicht von den Medien bis zum Antidoping. Der Vortrag der Nada (Nationale Anti-Doping Agentur/d. Red.) ist ein sehr wichtiges Thema. Worauf müssen Sportler achten? Wie verhält man sich beim Arzt? Auf solche Sachen sind viele noch nicht vorbereitet. So sollten sie bei einem Termin fragen, was sie bei Krankheit nehmen dürfen und was nicht und vor allem dem Arzt auch mitteilen, dass sie Leistungssportler sind. Ein weiteres Thema ist der Austausch mit dem Trainer. Warum mache ich bestimmte Sachen oder diese Trainingseinheit? Wichtig ist, dass man immer wieder kleine Ziele hat. Die großen kommen erst mit der Zeit.

Thomas Rudolph / 07.07.17

 

 

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